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Hörner-Trilogie zum Wallis

Greenhorn/Hübschhorn/Obergabelhorn-Südwand 26.6 bis 02.07.05

2.Tag | 2:37 Uhr | Grimselpass | Nachtlager unter freiem Himmel

Die Nachtfahrt hat ein Ende. Im Windschatten des Wagen suchen wir Schutz vor strengem Wind. Bevor die Schlafsäcke erkrochen sind, verschwindet Bergkamerad Götz im Dunkel der schneidenden Kälte. Konsequent stochert er prüfend im Schnee, um zwei Gute-Nacht-Bierchen zu kühlen.

3.Tag | 12:18 Uhr | Erstes Horn: Greenhorn

Furios umfeierte uns die Landschaft am Greenhorn, der ersten Eingehkletterei mit dem diskriminierendsten aller Hörner-Namen.

Die Bergwelt hebt unser Lebensgefühl - das nicht lange halten wird: Im Supermarkt eines kleinen Talortes stehen wir vor unerwarteten Problemen. Irritiert schwanken wir vor der Gemüse- und Obsttheke. Stumm erblicken wir die Preistafeln mit horrenden Werten. Teuer ist's im Tobleroneland - da heißt es wohldosiert zu kaufen. Und während die Kassiererin unseren Wochenendeinkauf mustert, fährt die Ware unaufhaltsam auf sie zu. 3 Zwiebeln und 5 Mirabellen kugeln vor ihr rum. Ihr mitleidiger Blick macht mich verlegen..."Zusammen oder getrennt?" - doch Seilkamerad Götz weiß die Antwort und gräbt sich tief in seinen Geldbeutel ein und gräbt und sortiert und gräbt, bis selbst die Blicke der Anderen Bände sprechen. Erste Zweifel steigen in mir auf, ob das Obergabelhorn wirklich das geeignete Ziel ist. Glücklicherweise gibt's noch keinen Führerschein fürs Einkaufen.

Doch draußen, außerhalb der zivilisierten Gemäuer dieses Konsumtempels, atmen wir wieder freie Luft, bereit, im nächsten Cafe einen Cappuccino zu ordern. In der Weite des dunstigen Rhonetals verlieren sich unsere Blicke und schweifen vom Berner Oberland zum Wallis...

Nachtlager am Simplonpass. Nach opulentem Abendessen dimmen die Nordwände des Laggin- und Fletschhorn ihr Glühen herunter und machen die Bühne frei, für einen müde aufsteigenden Vollmond. Mein Seilgefährte hat das Sofa (Crashpad) aufgestellt. Feierabendlich prosten wir mit gutem Roten an und diskutieren und analysieren die (schäbige?) Äußerung der Kassiererin - noch ein Fläschchen!

4.Tag | 06:59 Uhr | Zweites Horn: Hübschhorn, 3187 m

Frühe Morgennebel wälzen über unsere Daunensäcke. Morgenmüde schleppen wir uns zum Frühstücksplatz mit Sofa - der Tag wird anstrengend. Das ist mir zwei Mirabellen wert - ein königliches Müsli schiebt sich zäh den Schlund hinab. Bald schon erahnen wir die Konturen unserer 2. Kletterroute durch die lichter werdende Suppe des Nebels. Wie von Zauberfeen versprüht blitzt das Meer der Taukügelchen im satten Schrofengras. Schreckstarr und wie ausgestopft glotzten hämische Murmeltiere.
 

Die knapp 1200 Höhenmeter wurden uns nicht geschenkt. Allüberall bröselte es und brach. Die Namensgebung dieses Horns ordne ich einem trunkenem Talschreiber zu, dessen Talent wohl einzig an morschen Weintischen vergoren sein musste. Im Gipfelbuch (Erstbegehung in diesem Jahr) lässt sich Götz übel über den kariösen Fels aus. Nicht ahnend, dass der folgende Abstieg weitere Gründe lieferte, eine fette Klage gegen die Natur anzustrengen. Die riesige, sehr steile Geröllhalde ließ mich in den Supermarkt zurücksehnen. Fest stand auch, dass wir vor der nächsten Tour auf Apfelsaftschorle umsteigen würden.
Schließlich platzten alle Träume redlich verdienter Kaltgetränke am eben geschlossenen Simplonrestaurants.

5.Tag | 10:17 Uhr | Erwachen am Simplonpass

 

6.Tag | 9:38 Uhr | Randa/Mattertal/Hotel Alpenblick

Die Sterne am Nachthimmel wichen einer verlassenen Unterkunft, in der einzig die überaus zuvorkommende Vermieterin und ihr musikalischer Bruder Marco, nebst Mutter wohnten. Die Tourenvorbereitungen für das eigentliche Ziel wurden durch unsere großartige Stimmung in dieser empfehlenswerten Unterkunft nicht unwesentlich beeinflusst.

7.Tag | 6:58 Uhr | Aufstieg zum Arbenbiwak

Schlaftrunken stiegen wir ins Sammeltaxi. Die eigentliche Tour begann. Täsch, der Parkplatz Zermatts, ruckelte an uns vorbei. Zermatt zwang uns leidlich auszusteigen, wissend, dass ab sofort unsere eigenen Füße für den Materialtransport verantwortlich waren.

Kühl die klare Morgenluft des Mattertal - vor uns der Weg zum Arbenbiwak. Welch ein Vergnügen, in der unglaublichen Strahlkraft der Alpenszenerie zu Wandern. Die Matterhorn-Nordwand straft alle Schokoladenabbilder Lügen und beschenkt uns Flachlandtiroler mit seiner ungeuerlichen Macht. Als ständiger Wegbegleiter können die innerlichen Kitschklischees nicht mehr rebellieren.
Endlich das Nebental zur Südwand - die erste Pause verleitet zum Ausziehen der Klamotten bis auf die Unterhose. Die Sonne stellt alle Wäschetrockner in den Schatten...
Weiter geht's über serpentinenhafte Wege und den Moränengrat zu ersten Firnfeldern. Ketten entschärfen gletschergeschliffene Felsen. Leiterpassagen führen zum Arbenbiwak, dem komfortablen Adlerhorst unterhalb der mächtigen Wand.
Von der Rucksacklast befreit sitzen wir geplättet an die Biwakwand gelehnt und schweigen staunend und teeschlürfend. Im Panorama die Prominenz der Walliser Alpen: Mischabel, Monte Rosa, Matterhorn und Dent Blanche (die ich einen Monat später ebenfalls erklettern durfte).
Als am späten Nachmittag zwei bewegliche Punkte das Tal hinaufsteigen platzt die Illusion, dass wir auch an diesem würdigen Ort alleine sein dürften. Jedoch brachte die Gesellschaft von Reto und Y, zwei Bergführer-Aspiranten, kurzweilige Gespräche.
Müde und doch nicht schlafen könnend, las ich ein paar Zeilen, bis die Stirnlampe ihr Licht verlor. Nicht ahnend, welch bittere Konsequenzen dies nach sich ziehen sollte...

8.Tag | 5:22 Uhr | Aufstieg zur Obergabelhorn-Südwand

Die monatelange, innere Auseinandersetzung mit der Wand verlor ihr theoretisches Kostüm - im Übergang der Nacht zum Tag verließen wir das Biwak. Die müden Glieder schleppten sich warm. Sauerstoffdurchflutet lösten sich bangen Bedenken und wichen der Neugier auf das Klettern. Steiler die Firnhänge zum Einstieg in die Wand.

 

Fortsetzung folgt...

 

Claus Knobel

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